von Nana Schewski | 27.11.2019 | Hochsensibilität, Ich-Stärkung
Es wird oft gesagt/geschrieben, dass hochsensible Menschen es im Beruf schwer hätten und viele Arbeitgeber skeptisch ihnen gegenüber seien. Nun hat Hochsensibilität zwei Seiten: eine herausfordernde und eine vorteilhafte. Entscheidend ist, wo unser Fokus der Beobachtung liegt.
Viele hochsensible Menschen sind gute Strategen, um mit der herausfordernden Seite ihrer Hochsensibilität umzugehen. Bei den meisten ahnt man noch nicht mal, dass sie hochsensibel sind.
Das Wort Hochsensibilität ist teils irreführend. Viele verstehen darunter ein cholerisches, mimosenhaftes oder gar hysterisches Verhalten. Ich werde nicht müde zu betonen, dass dies wenig mit Hochsensibilität zu tun hat. Warum?
- Hochsensible Menschen brauchen Zeit, um die Geschehnisse einzuordnen und sie detailliert zu verarbeiten – wenn sie das schon geschafft haben, ist die Situation meistens längst vorbei.
- Hochsensible Menschen wissen über ihre hohe Ansprechbarkeit für Reize auch ohne Wissen über ihre Hochsensibilität. Auch wegen der oft hinzukommenden Verletzlichkeit vermeiden sie oft eine offene Konfrontation und wenn ja, dann tun sie es sehr bedacht. Sie schonen sich oft intuitiv.
- Die meisten Hochsensiblen sind introvertiert. Ein hochsensibler Mensch kann auch extravertiert sein. Er kann auch sehr emotional werden und seine Fassung verlieren. Aber das passiert nur dann, wenn sein Temperament und seine negativen/eingrenzenden Glaubenssätze dazu kommen.
Mir wurde neulich eine Geschichte über eine hochsensible Person erzählt. Sie weckte bei mir folgende Erinnerungen aus meinem Berufsleben.
Einmal saß ich mit einer Kollegin zusammen in einem Raum. Ich war in diesem gemeinsamen Raum nur in den Pausen, sonst stand ich vor der Gruppe im Seminarraum. Damals wusste ich nichts über meine Hochsensibilität. Aber mir war klar, dass ich in den Pausen Ruhe und Abschaltung brauchte.
Ich habe meine Arbeit sonst sehr gerne und engagiert gemacht und sowohl kleine als auch große Pausen waren mir Gold wert. Ich habe versucht, zur Ruhe zu kommen und meine Gedanken für die nächste Seminarstunde zu ordnen.
Irgendwann hat meine werte Kollegin angefangen während der Pausen das Radio einzuschalten. Ich war entsetzt, es dröhnten Musik und Nachrichten in den Raum. Ich habe sie freundlich darum gebeten, das Radio während der Pausen auszuschalten und sie war nicht sofort damit einverstanden. Dann wollte sie es nur leiser stellen und das war für mich wirklich keine Lösung. Sie machte ihre Arbeit meistens am PC und fand Radio anscheinend nicht störend.
Ich erinnere mich wie verärgert ich war und wie viel Kraft es mich kostete, besonnen mit der neu entstandenen Problematik umzugehen. Ich wollte auch keine Streitereien, weil mich dann das Zusammensein in einem Raum auch belastet hätte. Ich dachte und bis jetzt bin ich davon überzeugt, dass in so einer Weiterbildungseinrichtung in einem gemeinsamen Dozentenraum es eine klare Grenzüberschreitung ist, das Radio laufen zu lassen. Ich weiß nicht mehr genau, aber das Problem wurde irgendwann schnell geregelt, möglicherweise saßen wir nicht mehr zusammen in einem Raum.
Eine zweite Geschichte: ⇓
Ich teilte mit einer Kollegin einen Raum und habe schnell festgestellt, dass sie im Raum rauchte. Ich hatte nach der Geburt meiner Tochter eine sehr starke Abneigung gegen den Zigarettengeruch entwickelt. Nun musste ich das ansprechen – das Lüften reichte eindeutig nicht.
Sie sagte, dass das Rauchen für sie eine Voraussetzung für ihre Entspannung sei und sie könne nicht darauf verzichten. Eigentlich war ein Rauchverbot in der ganzen Weiterbildungseinrichtung. Ich habe aber diese Tatsache nicht angesprochen, sondern versuchte zu erklären, dass ihre Entspannung meine Anspannung und verminderte Konzentration bedeutete.
Wir haben damals einen Kompromiss gefunden. Sie durfte einmal am Tag aus dem offenen Fenster gelehnt rauchen. Die Person mochte ich gerne und so war ich froh unsere Beziehung zu retten. Jetzt würde ich auch diesen Kompromiss nicht mehr machen. Aber damals: jung, unerfahren, innerlich unsicher in einer neuen Umgebung schloss ich gerne Kompromisse, um die Stimmung um mich herum nicht zu gefährden und dadurch an ersten Stelle mich zu schonen.
Jetzt habe ich zwei Beispiele genannt: Beide bargen Gefahren für ernsthafte Konflikte am Arbeitsplatz nicht wegen meiner Hochsensibilität (von der ich selber nichts wusste, aber die Merkmale eindeutig präsent waren), sondern wegen der egoistischen rücksichtslosen Haltung der anderen Kollegen.
Dass es in beiden Fällen nicht zu Konflikten kam, war meiner Hochsensibilität zu verdanken. Ich habe meinen Ärger zurückgehalten, mich in diese Personen eingefühlt und versuchte das Problem friedlich zu lösen.
Die Tatsache, dass hochsensible Menschen sehr einfühlsam sind, kommt dem Betriebsklima in den meisten Fällen zugute.
Meine hochsensiblen Klienten und Bekannten sind eher sehr fleißige, verantwortungsbewusste, leistungsorientierte, zuverlässige Berufsmenschen. So bin ich auch immer gewesen und bin es noch.
Es gibt aber einen wichtigen Faktor, der im Beruf eine große Rolle spielt und um den sich die Arbeitgeber zu Recht Sorgen machen. Aber genau in diesem Bereich können sie ihre Mitarbeiter sehr gut unterstützen.
Es geht um Ablenkbarkeit. Hochsensible Menschen sind Meister darin. Sie sind aufgrund ihrer Hochsensibilität dieser Ablenkbarkeit oft hilflos ausgeliefert. Die Bilder, Geräusche, Worte und Gerüche strömen auf sie ungehindert ein. Weil sie diese aufgenommenen Eindrücke auch tief verarbeiten, brauchen sie auch entsprechend Zeit und Konzentration.
Das Besondere ist, dass hochsensible Menschen sich auch selbst ohne äußere Eindrücke wunderbar ablenken und beschäftigen können. Sie haben ein sehr reiches Innenleben und es gibt da immer etwas Anziehendes aus der Vergangenheit oder von der heutigen Fahrt zur Arbeit zu finden.
Weniger Ablenkungen bedeuten aber eine bessere Fokussierung und dadurch bessere Leistung.
Die Ablenkbarkeit kann zu den folgenden unerwünschten Problemen führen:
- Schlechte Fokussierung und dadurch Zeitverlust
- Die Aufgaben, die trotzdem gemacht werden, können eine hohe Fehlerhäufigkeit aufweisen
- Kreativität leidet sehr darunter
Zeitverlust: Seine negative Folge kann entstandener Zeitdruck sein. Der Zeitdruck kann wiederum Fehler begünstigen.
Ich erinnere mich daran, dass ich während meiner Berufskarriere immer wieder spät Feierabend machte, weil ich nicht fertig wurde. Ich habe manchmal darauf gewartet, dass meine Kollegen weg sind und manche Aufgaben so in der Stille und Ruhe erledigt. Ich nahm mir dafür Zeit, weil ich dann mit einem guten Gefühl nach Hause fahren konnte.
Es gab Kollegen, die sich deswegen unter Druck stellten. Sie bekamen Stress mit der Vorstellung, dass sie dieser Einrichtung, die uns sowieso schlecht bezahlte, ihre wertvolle Zeit schenkten. Damals wusste ich nichts über Hochsensibilität, aber ich wählte die richtige Strategie für mich. Schon damals ist mir aufgefallen, dass Zeitdruck mir den Abend versauen konnte. Mir war schon bewusst, dass ich in manchen Bereichen wie Dokumentation (ich hasste sie!) langsam war. Es tat gut, meine Arbeitsstelle mit guter Stimmung zu verlassen.
Ein wichtiger Faktor bei der Ablenkbarkeit ist, ob du einen Job machst, der dir Freude macht. Ob du einen Sinn darin siehst und ob du von außen Motivation bekommst. Ich hatte nicht immer aber oft Glück damit.
Ich erinnere mich an eine Szene. Ich stehe im Kopierer-Raum und mache schnell Kopien für meine nächste Seminar-Stunde. Ich bin neu am Arbeitsplatz und versuche mit allen Kräften alles gut zu machen. In so einer Situation sind viele Menschen und besonders hochsensible Menschen körperlich sehr angespannt, weil der von innen kommende Druck groß ist. Damals hatte ich kein Bewusstsein dafür. Jahre später besuchte uns ein ehemaliger Kollege. Er sah mich und sagte: Nana, du siehst jetzt viel entspannter aus als damals.
Nun zurück zur Szene. Da kam unerwartet meine Chefin herein. Sie sagte mir sinngemäß: es ist schön zu sehen wie du jeden Tag das Beste gibst und auch die Ergebnisse können sich sehen lassen. Ich erinnere mich an meine innere Freude. Diese hat meine Motivation enorm gesteigert. Ich habe deutlich gespürt, da ist jemand da, der meine Bemühungen sieht und hier einen kurzen Moment nutzt mir so eine tolle Rückmeldung zu geben.
Mit dieser Geschichte möchte ich sagen, dass nicht jeder von uns einen Traumjob hat. Manche haben langweilige Routine-Jobs oder Jobs, die nicht auf ihren Stärken basiert sind. Ohne innere Motivation kann kein Mensch und besonders ein hochsensibler Mensch gute Fokussierung beibehalten.
Die innere Motivation kann von außen mit wenig Zeit und Aufwand enorm unterstützt werden.
Fehlerhäufigkeit: Hochsensibilität kann die Fehlerhäufigkeit enorm verstärken, wenn mehrere ungünstige Faktoren zusammenkommen. In vielen auf strenge Sicherheit bedachten Berufen, wie z.B. Flugsicherheit etc. kann ein sehr hochsensibler Mensch, wenn er noch ungünstige Glaubenssätze und ein unerfülltes unzufriedenes Leben hat, zum hohen Risikofaktor werden.
Kreativität: Wenn ein hochsensibler Mensch innerlich sehr aufgewühlt und intensiv mit etwas beschäftigt ist, kann er sehr gut künstlerisch zum Ausdruck kommen und sich sogar gut helfen, wenn er frei malt oder schreibt oder etwas tut, in dem er seiner Intuition folgt.
Bei bestimmten beruflichen Aufgaben geht es eher darum, in einem Aufgabenfeld kreative Lösungen zu entwickeln. Dafür muss er im Thema voll und ganz drin sein. Das wird ohne Fokussierung nicht machbar sein.
Wie schon oben dargestellt, ist die Reizüberflutung/Überreizung bei der Hochsensibilität die größte Gefahr, weil sie für die Reize der Umgebung sehr aufnahmefähig ist.
Wenn hochsensible Menschen sich aber mit voller Hingabe mit einer Sache beschäftigen (s.g. Flow), dann vergessen sie alles um sich herum und ihre Antennen sind nicht mehr nach außen gerichtet. In diesem Zustand erholen sie sich gut, auch wenn sie dabei intensive Arbeit erledigen. Das sind meine Beobachtungen sowohl bei Erwachsenen als auch Kindern.
Die Erklärung ist, dass die ständige Aufnahme der Eindrücke von außen und deren Verarbeitung den hochsensiblen Menschen zu schaffen machen.
Die hingebungsvolle Konzentration aber auf nur eine Sache ist nicht nur die beste Prävention vor Reizüberflutung, sondern auch eine Erholung.
Manche haben mir gesagt, dass sie bei so einer Tätigkeit einen besseren Erholungseffekt hätten als bei einer geführten Meditation, in der sie ständig gegen die widerkehrenden Gedanken ankämpfen mussten.
Mein Fazit ist: Wenn die Arbeit/Beschäftigung interessant für hochsensible Menschen ist, dann hat sie für diese Menschen einen zusätzlichen Mehrwert – einen Erholungswert, vorausgesetzt die Umgebung erlaubt eine ungestörte Fokussierung.
Ein hochsensibler Mensch – wenn er den ihn passenden Beruf/Job, einen ruhigen Arbeitsplatz hat und über seine Hochsensibilität gut aufgeklärt ist, ist ein Traum-Arbeitnehmer für jeden Arbeitgeber. Wenn diese drei Faktoren günstig sind, profitieren alle Seiten davon.
Dieser Zustand sei uns allen gegönnt.
Herzlichst, Nana
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Dieser Artikel passt zum Thema: Hochsensibel? – deine Vorteile
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von Nana Schewski | 16.11.2019 | Hochsensibilität, Ich-Stärkung
Hochsensible Menschen sind empfindsam – das liegt in der Natur der Hochsensibilität. Die aufgenommenen Eindrücke wirken bei Hochsensibilität tiefgründig.
Ich werde jetzt eine Situation beschreiben, die viele hochsensible Menschen zu gut kennen und sie sogar fürchten.
Ein Satz, ein Wort, eine Geste, ein Blick – das reicht, um bei diesen Menschen eine hohe innere Verletzlichkeit auszulösen. Besonders dann wird es heftig, wenn sie dabei überrumpelt werden, d.h. wenn diese Menschen unvorbereitet mit etwas konfrontiert werden. Dieses etwas kann für die Außenstehenden sogar eine Lappalie sein.
Es kommt wie ein innerer Blitz und verursacht einen Zustand der inneren Lähmung/ Starre. Die Gefühle sind am Anfang unterdrückt und sogar im gegebenen Moment nicht identifizierbar. Mit diesem Schmerz ist oft eine innere Schwere oder Enggefühl verbunden, als hätten diese Menschen einen schweren Stein ans Herz gebunden.
Was erstaunlich ist – äußerlich können diese Menschen weiter funktionieren – sprechen, sogar lachen, Leistungen erbringen, obwohl sie keine gute Konzentration dabei haben können. Der innere Autopilot macht es möglich.
Dieser Moment wird beschrieben als würde man in zwei parallelen Welten leben, die unterschiedlicher nicht sein können: äußerlich ruhig, innerlich ein starkes Beben.
Die Phase der inneren Lähmung/Starre wird auch so beschrieben als würde man neben sich stehen. In diesem Moment ist keine adäquate Reaktion möglich, der Autopilot versucht diesen Mensch möglichst unauffällig zu machen/still zu stellen. Es geht ums Überleben. Und die Außenstehenden merken meistens nichts.
Eine Anmerkung: nach meiner Erfahrung ist es nicht typisch für hochsensible Menschen, in so einer Situation auszurasten und cholerisch zu reagieren. Warum? Der hochsensible Mensch braucht in dieser Situation Zeit, um das Geschehnis zu verarbeiten, zu verstehen und natürlich um aus dieser inneren Lähmung herauszukommen. Wenn er das schafft, ist die Situation oft schon längst Vergangenheit.
Daher sage ich immer wieder, dass hochsensible Menschen zwar empfindsam sind, aber sie lassen es sich möglichst nichts anmerken und statt empört/cholerisch zu reagieren beschäftigen sie sich lange mit der Situation.
Und die Situation, in der dieser Schmerz entstanden ist, wird diese Menschen lange begleiten. Ein Teil des hochsensiblen Menschen würde diese Situation so schnell wie es geht verlassen. Viele aber bleiben weiterhin in dieser unerfreulichen Situation, weil sie wegen ihrer inneren Lähmung keine Kraft haben auszusteigen oder möglicherweise Angst haben, mit sich selbst / mit ihren inneren Schmerzen allein zu bleiben.
Dieser innere Schmerz bleibt zum Leid der Betroffenen lange, manchmal sehr lange. Viele beschreiben diesen Schmerz als eine blutende innere Wunde. Nach der inneren Lähmung kommt irgendwann ein Gefühlschaos, danach kommen Gedanken, die ewig im Kreis drehen. Danach fängt die innere Analyse an.
Wie lange dieser Zustand dauern wird? Es können 3-7-14-21 Tage sein. So genau lässt es sich nicht sagen, es ist von Fall zu Fall unterschiedlich.
Stellen wir uns diesen anfänglichen inneren Zustand als einen See vor, der hohe Wellen schlägt. Das Wasser ist schaumig und trüb. Dieser innere See muss klar und ruhig werden, damit diese Menschen im Kopf klar werden und den Grund ihrer Schmerzen endlich identifizieren können.
Und es ist gut möglich, dass sie diese Identifikation allein nicht schaffen. Unsere Schmerzvermeidungsstrategien stehen da gerne im Wege. Daher wird oft ein einfacherer Weg der Schuldzuweisung gewählt. Das passiert innerlich oder im engen Kreis. Meistens wird keine offene Konfrontation mit dem Verursacher dieser Verletzlichkeit angestrebt. Und das aus einem einfachen Grund: hier werden keine weiteren Schmerzen riskiert.
Diese Menschen leiden sehr darunter, wenn sie ihren Schmerz jemandem mitteilen und dabei auf Unverständnis stoßen. Die folgenden Reaktionen verstärken noch die inneren Schmerzen: Was hast du gegen sie/ihn, sie/er hat es bestimmt nicht so gemeint, hast du bei ihr/ihm nachgefragt? So schlimm war es doch nicht…
Deswegen leidet man oft still und das macht den Zustand keineswegs besser.
In dieser Zeit leidet die Konzentration und die Fehlerhäufigkeit wächst. Der anfängliche Energieschub, in dem man wie betäubt ist, wird mit Erschöpfung ersetzt. Kurz: Das ganze Leben ist beeinträchtigt.
Wenn diese Menschen eine gute Fähigkeit zur Selbstreflexion haben, werden sie schon irgendwann ahnen/verstehen, dass sie in den meisten Fällen nicht bewusst und gezielt verletzt worden sind, manchmal entstehen solche Verletzungen auch dann, wenn es um andere Menschen geht.
Diese Erkenntnis erleichtert aber ihre emotionale Betroffenheit nicht. Die Erklärungen entstehen im Kopf, die Schmerzen sitzen viel tiefer.
Jetzt kommen zwei gute Nachrichten:
- Diese Phase ist auch eine große Chance – dazu später mehr
- Diese Verletzlichkeit, die ich oben beschrieben habe und viele hochsensible Menschen zu gut kennen, kann nicht direkt der Hochsensibilität angelastet werden.
Hochsensibilität spielt hier nur eine Nebenrolle.
Der Hauptgrund sind unsere frühkindlichen Traumen, unsere inneren Glaubenssätze, die mit aufgezwungener zerstörerischer Scham, Wut, Verzweiflung, fehlender Liebe/Anerkennung etc. verbunden sind, unsere ungelösten inneren Blockaden und erlebten Schmerzen.
Die Hochsensibilität hat diesen Zustand nicht verursacht, nur verstärkt. Auch Menschen ohne Hochsensibilität leiden sehr an den Folgen ihrer Kindheit und kennen diesen inneren Schmerz. Der Unterschied ist, dass sie sich mit diesem Schmerz nicht so tiefgründig und nicht so lange beschäftigen.
Hier geht es zu meinem Blogbeitrag: „Hochsensibles Kind unter Druck“ »»»
Viele Kinder haben eine familiäre Umgebung, die es sogar mit den besten Absichten schafft, dem Kind ernsthaften Schaden zuzufügen. Dann entstehen s.g. innere wunde Punkte.
Nun ist aus diesem Kind ein Erwachsener geworden, die alten Traumen sind wie die Glut unter der Asche.
Ein Wort, eine Geste, ein Satz oder eine Mimik kann eine schmerzhafte Berührung mit diesen wunden Punkten sein. Es wirkt wie ein Blitz, der aus der Glut ein Feuer entfacht und es brennt und es tut sehr weh.
Sagen wir jetzt vereinfacht:
Ohne Hochsensibilität wäre der Schmerz nicht so stark, die Leidensdauer nicht so lang und die Dramatik nicht so hoch.
Nach jetzigem Kenntnisstand scheint Hochsensibilität ein angeborener Teil unseres Temperaments zu sein, der uns wahrscheinlich lebenslang erhalten bleibt.
Aber diese wunden Punkte – die frühkindlichen negativen Prägungen können wir sehr erfolgreich behandeln.
Jetzt komme ich zur ersten guten Nachricht zurück. Immer wenn so ein starker Schmerz entsteht, ist es ein passender Zeitpunkt, dem Gefühl zu folgen und dahinterstehende negative Glaubenssätze zu identifizieren. Es gibt Methoden, die dabei schnell und zuverlässig behilflich sind.
Wenn das erfolgreich passiert, haben wir ein Gefühl der inneren Befreiung und Leichtigkeit.
In meiner Praxis-Sprache: Es wird aus dem virtuellen Rucksack ein ganz großer Stein weggeworfen. Das Leben fühlt sich leichter an. Und ein schmerzverursachender Trigger ist für immer gelöst, ihn gibt es nicht mehr.
Also wenn dieser o.g. Fall eintritt – wäre es ratsam dafür zu sorgen, sich schnellst möglich von diesem Trigger zu befreien, um den eigenen Leidensweg zu verkürzen und den Schmerz dauerhaft zu lösen.
Es ist aber wahrscheinlich, dass mehrere wunde Punkte im Unterbewusstsein vorhanden sind. Wie gut kennst du Glaubenssätze, die deine Kindheit geprägt haben? Schau dir diese Infoseite an ⇒
Aber wenn wir das einmal erfolgreich hinbekommen, dann entwickeln wir eine völlig andere Einstellung zu dieser Verletzlichkeit und ihren Trigger. Wir kennen schon seine positive Seite. Wir wissen dann ganz genau, dass wieder die Zeit gekommen ist, unseren virtuellen Rucksack leichter zu machen.
Das ist ein sehr gutes Gefühl. Uns ist meistens die anfängliche Schwere unseres virtuellen Rücksackes nicht bewusst. Irgendwann merkst du selber, wie viel Kraft diese alten Steine dich gekostet haben und du wirst mit Dankbarkeit auf deine Verletzlichkeit zurückblicken. Weil sie dich zum Handeln gezwungen hat.
Du bist dann in einem dankbaren Prozess, in dem du deine eingrenzenden Glaubenssätze durch aufbauende ersetzen und somit dein Leben leichter, schöner, erfolgreicher machen kannst.
Der größte Erfolg ist, wenn wir uns innerlich wohl fühlen, wenn wir unsere kindliche Freude zurückholen können. Wenn das Leben innerlich stimmig ist, dann lassen sich im äußeren Leben unsere Wünsche /Ziele leichter kreieren.
Daher sehen wir lieber in unserer Verletzlichkeit eine große Chance uns näher zu kommen, uns besser zu verstehen, uns mehr Liebe und Verständnis entgegenzubringen.
Das sei uns allen gegönnt!
Herzlichst, Nana
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von Nana Schewski | 03.11.2019 | Hochsensibilität, Ich-Stärkung
Über die positiven Seiten der Hochsensibilität habe ich schon geschrieben, heute möchte ich über einige Aspekte ihrer Schattenseite sprechen. Das ist auch ein sehr wichtiges Thema, weil es unsere Gesundheit, unseren beruflichen Erfolg, unsere Beziehungen, unser ganzes Leben betrifft. Wo die Sonne scheint, gibt es auch Schatten.
Wir sollten diese Schattenseite nicht dramatisieren, sondern in Kauf nehmen und berücksichtigen.
Wenn du hochsensibel bist – bedeutet es, dass du viel mehr Eindrücke aufnimmst als dir gut tut. Und zusätzlich wirken sie bei dir in der Tiefe.
Deine Ablenkbarkeit ist dein großes Risiko. Wenn Vieles auf dich einströmt und das dich noch zusätzlich emotional in Anspruch nimmt, dann können dir Fehler passieren, die du dir selber schwer erklären kannst.
Lieber den Tag klar strukturieren – wenn wir uns an einem Tag viel zumuten, um am darauffolgenden Tag eine Ruhepause einzulegen, dann ist dies dauerhaft keine gute Strategie für hochsensible Menschen. Ein dauerndes Wechselspiel von Hoch und Tief überfordert uns eher. Viel besser wäre es auf die richtige Dosierung, eine goldene Mitte zu achten.
Früher bin ich als Besucher öfter auf Messen gewesen. Ich war damals sehr erstaunt über meine Müdigkeit. Besonders wenn in einer Halle mehrere Bühnen aufgebaut waren und aus mehreren Ecken unterschiedliche Geräusche schallten. Ich musste einmal sogar den Besuch abrupt beenden, weil der Lärm für mich unerträglich wurde.
Bei verantwortungsvollen Tätigkeiten (jede Tätigkeit verlangt Verantwortung, aber ich meine hier die Tätigkeiten, in denen durch diese Ablenkbarkeit Menschenleben gefährdet werden kann) müssen wir uns gut kennen und genau auf einen klar strukturierten Tag und auf eine gute Fokussierung achten. Von manchen Berufen sollten wir lieber Abstand nehmen. Wir haben ja unsere Stärken und unser Berufsbild sollte auf unseren Vorteilen aufgebaut sein und nicht auf unseren Nachteilen.
Leider haben viele Menschen oft ein falsches Berufsziel vor Augen. Über 10 Jahre habe ich als Berufscoach gearbeitet und viele Bespiele gesehen, wie ein falsch gewählter Beruf uns – unser psychischen und körperlichen Gesundheit dauerhaft schadet.
Nun bin ich beim Thema Gesundheit, die bei hochsensiblen Menschen oft gefährdet ist.
Die Gründe:
Wenn dein Berufsalltag von dir stetige Fokussierung, Präsenz und Flexibilität verlangt, dann bist du sehr gefordert. Ein sehr lebendiger Alltag liefert viele Bilder und Eindrücke. Du kannst sie nicht auf Anhieb bearbeiten und einordnen. Nach dem Arbeitstag begleiten sie dich oft weiter. Spannungen im Berufsfeld beschäftigen dich auch außerhalb des Arbeitszimmers. So kannst du schwer zur Entspannung kommen.
Die Anspannungen werden von deinem Körper gespeichert. Auf Dauer richten sie Schaden an. Viele hochsensible Personen haben Beschwerden, die durch dauerhaft angespannte Haltung verursacht wird.
Die Lösung dafür ist deine gute Disziplin/Organisation. Das bedeutet, dass du nach der Arbeit eine Entspannungsmethode nutzt, z.B. Yoga, Meditationen und Muskelrelaxation nach Jakobson. Auch andere körperliche Betätigungen tun dir gut – das Beste ist, wenn du dich dabei auspowern kannst.
Für sich eine richtige Methode zu finden, die uns innere Entspannung und Klarheit ermöglicht, ist schon eine tolle Sache. Ich kenne Menschen, die stets auf der Suche sind und noch keine solche Lieblingsmethode für sich gefunden haben.
Etwas Neues ausprobieren zu wollen ist super und gleichzeitige eine Grundlage für unsere Weiterentwicklung. Aber ich plädiere sehr dafür, dass wir vertraute Methoden haben, die für uns im Alltag ein verlässlicher Ruheanker sein können. Dafür müssen wir aber uns selbst gut kennen. Dann bekommen wir ein Gespür für die richtige Methode.
Hier komme ich zu einem wichtigen Punkt: Es ist für uns ein Segen, wenn wir Interesse daran entwickeln, uns mit unserer Persönlichkeit, mit unserem Unterbewusstsein zu beschäftigen. Dafür müssen wir uns auf diesen Prozess einlassen.
Und dieser Prozess macht unser Leben interessanter. Du entdeckst dabei viel und bekommst Antworten auf deine Fragen. Du hast plötzlich Erklärungen für die Zusammenhänge in deinem Leben. Und noch: Du steuerst und gestaltest dein Leben mit der Hochsensibilität viel leichter und einfacher, indem du die Schattenseite regulierst und die Sonnenseite stärkst. Das kommt sowohl deinem beruflichen als auch persönlichen Leben zugute.
Du solltest täglich dafür sorgen, dass sich dein Körper und deine Seele entspannen können.
Wenn du eine Entspannungsmethode gut beherrschst, dann kannst du sie in abgekürztem Format bei der Arbeit nutzen. Ich bin sehr dafür, dass wir während der Pausen kleine Lockerungsübungen und eine Minimeditation machen. Das kostet uns wenig Zeit (2-3 Minuten!) und hilft uns enorm, unsere Konzentration und Energie zu behalten.
Es ist sehr hilfreich einen Selbsthypnose-Code verankert zu bekommen und damit schnell zu innerer Klarheit und Entspannung zu kommen.
Auch eine bewusste Gestaltung der Arbeitspausen tut uns gut.
Als ich vor vielen Jahren für eine Weiterbildungseinrichtung gearbeitet habe, habe ich mich während der großen Pause immer wieder für einen Spaziergang entschieden oder bin bewusst im Raum geblieben, um mich zu erholen und meine Gedanken zu ordnen. Ich habe diese große Pause sehr gerne mit Kollegen zusammen verbracht, zu Mittag gegessen und Kaffee getrunken. Aber immer wieder habe ich mich bewusst dafür entschieden, meine Pausen teils allein zu verbringen.
Damals habe ich intuitiv gehandelt, und so tun es viele hochsensible Menschen auch. Meine Klienten erzählen mir auch, dass sie irgendwann ihre Grenze der Belastbarkeit deutlich gesehen/gespürt hätten. Viele wiederum merken die Grenze nicht und irgendwann brechen sie zusammen oder sie werden von einer Erkrankung „überrascht“.
Wir müssen einsehen, dass der Tag nicht derart dramatisch sein sollte, bis wir ermüden. Wir sollten eine Möglichkeit finden unsere innere Batterie aufzuladen und innere Klarheit zu bewahren.
Wir sollten üben leichter loszulassen. Und das ist leichter gesagt als getan. Selbst Meditationen sind oft eine Herausforderung für hochsensible Menschen. Die Gedanken und Gefühle wollen nicht vorbeiziehen wie Wolken am Himmel, sondern sie üben eine große Dominanz. Aber das ist kein Grund aufzugeben – wir können unseren Geist trainieren und stärken, um das Beste für uns zu machen.
Am Ende: Hochsensibilität ist keine Mimosenhaftigkeit. Oft wird sie mit emotionalen Überreaktionen in Verbindung gebracht. Dieses Reaktionsmuster ist keinesfalls ein Vorrecht hochsensibler Menschen.
Es hat größtenteils mit unseren Glaubenssätzen und mit dem in der Kindheit verinnerlichten Reaktions-/Verhaltensmuster zu tun.
Im Gegenteil, die Mehrheit der hochsensiblen Menschen ist zurückhaltend und introvertiert. In meiner langen und intensiven Arbeitsphase in den hiesigen Weiterbildungseinrichtungen wurde ich z.B. nicht nur für meine gute fachliche Kompetenz sondern auch für die kollegiale und besonnene Art geschätzt. Und hinterher kann ich sagen, dass es oft genug gute Gründe zum Aufregen/Überreagieren gab.
Aber für hochsensible Menschen spielt ihre innere Verletzlichkeit eine wichtige und bedeutsame Rolle. Sie gehört eindeutig zu dieser Schattenseite. Ich würde diesem Thema demnächst einen Beitrag widmen.
Wir sollten uns zu dieser Eigenschaft klar bekennen und diesen Teil in uns besser kennenlernen und würdigen. Für ein schöneres und leichteres Leben – glaube mir, dass es möglich ist!
Das ist machbar und das sei uns allen gegönnt.
Herzlichst, Nana
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