Rede- und Sprechangst – welche Bedeutung haben hierbei Schutzstrategien?

Selbstschutzstrategien können umgangen werden – Sinnbild: hier überwindet erfolgreich eine kleine Schnecke Kaktusstacheln um an die wunderschöne Kaktusblüte zu kommen.

Warum ist es für viele Menschen nicht einfach ihre Rede- und Sprechblockaden und allgemein Blockaden zu lösen? Zuerst einmal wissen wir oft gar nicht, dass wir Ängste oder Blockaden haben. „Vor Leuten zu sprechen – das mag ich überhaupt nicht“ – höre ich oft. Deswegen richten sich viele ihr Leben so ein, dass sie weder beruflich noch privat diese Herausforderungen bekommen. Es gibt aber auch viele – und für sie ist eigentlich dieser Artikel geschrieben – die sich diesen Herausforderungen stellen und ihren Zustand verändern möchten.

Bei den meisten ist am Anfang das Bewusstsein nicht da, dass sie ein tief verwurzeltes Problem haben. Nachdem sie durch Selbstbeobachtung bemerken, dass etliche Bücher und Rhetorik-Trainings neben intensiver Vorbereitung das Problem nur mildern, es aber nicht lösen, kommen sie vielleicht auf den Gedanken, sich dort helfen zu lassen, wo sie wirklich Hilfe benötigen.

Es ist wichtig, Dir dort helfen zu lassen, wo Du wirklich Hilfe benötigst.

Die Erfahrung zeigt, dass es leichter ist, sich bei einem Rhetorik-Seminar anzumelden als zu einer Beratung zu gehen. Diesen Schritt scheuen wir und dies ist auch verständlich. Wir wollen intuitiv Schmerzen vermeiden und unser Selbstwertgefühl schützen. Je labiler unser Selbstwertgefühl ist, desto mehr Überwindungskraft werden wir brauchen, den entscheidenden Schritt zu tun.

Wir wollen intuitiv Schmerzen vermeiden und unser Selbstwertgefühl schützen.

Das Selbstwertgefühl ist von unseren inneren Glaubenssätzen bestimmt. Wenn diese Glaubenssätze schmerzhaft für uns sind, sind wir sehr bestrebt, diese Glaubenssätze nicht wahrzunehmen/zu spüren. Daher ist Schmerzvermeidung eine natürliche Reaktion, damit wollen wir uns Schmerzen ersparen, die durch das Bewusstwerden dieser Glaubenssätze zustande kommen würden.

Je labiler unser Selbstwertgefühl, desto fester und stärker sind die Schutzstrategien

Lass uns ein Beispiel nehmen:  

Julia leitet ein Team und würde beruflich gerne vorankommen. Nur: all die Meetings und Präsentationen rauben ihr so viel Kraft, dass ihr danach Energie und Konzentration für andere Aufgaben fehlen. Sie ist ehrgeizig, engagiert, fleißig und pflegt gerne auch dieses Image.

Irgendwo in tiefen Schichten sind bei ihr u.a. die Glaubenssätze „Ich bin noch nicht gut genug“ und „Ich darf keine Fehler machen“ verankert. Sie treiben Julia zu noch mehr Fleiß und Perfektionsstreben. So reagiert sie sehr sensibel auf alle Art kritischer Rückmeldungen, auch wenn sie versucht, sich nichts anmerken zu lassen. Sie ist innerlich sehr gekränkt, wenn auch nur Kleinigkeiten von ihrer getanen Arbeit hinterfragt werden. Warum? Weil dadurch ihr tief verwurzelter Glaubenssatz „ Ich bin noch nicht genug“ getriggert wird: nun sind all diese Leute ihr auf die Schliche gekommen, dass sie doch „nicht gut genug“ für ihren Job ist! Diesen Glaubenssatz leugnet Julia selber meist unbewusst, um sich zu schützen, aber dieser Satz wirkt wie Glut, die unter Asche schlummert und dann mit ein bisschen Bewegung und Sauerstoff zum Brennfeuer wird. Dieser Zustand tut wirklich weh.

Negative Glaubenssätze wirken wie mit Asche bedeckte Glut, die sich mit ein bisschen Nahrung zum Brennfeuer entwickeln kann. Das tut wirklich weh.

Um diesen Zustand zu vermeiden, sind bei Julia Strategien aktiv, die sie selber oft nicht bewusst wahrnimmt. Es sind Strategien, die das Infrage-Stellen Ihrer Leistung verhindern sollen: noch bessere Vorbereitungen, noch mehr auf alles aufpassen,  noch mehr arbeiten, damit alle endlich sehen, dass sie ihren Job gut macht. Lieber keine offene Diskussionen führen, damit sie ansatzweise nicht das heraushört, wovor sie innerlich Angst hat. Der Zweifel an ihrer Eignung für den Job besteht bei ihren Kollegen meistens gar nicht – die einzige Person, die diese Zweifel trägt und Probleme hat, sich dies einzugestehen ist mit großer Wahrscheinlichkeit Julia selbst.

Nun kurz gefasst, die Hauptschutzstrategien von Julia sind bei ihrer Arbeit:

Perfektionsstreben: Bloß kein Fehler und immer mehr Leistung, damit der Beweis erbracht wird: „Sie ist für den Job gut geeignet“. Unter dieser Strategie leiden Julias Lebensqualität, Gesundheit und es besteht ein Risiko für Burnout.

Vermeidung: Da das Sprechen bei Meetings und Präsentationen für Julia eine harte Probe ist, tut sie alles, um die Wahrscheinlichkeit und Häufigkeit der Auftritte zu minimieren. Ihr Glaubenssatz „Ich bin noch nicht gut genug“ gepaart mit dem Satz: „Ich darf keine Fehler machen“ (möglicherweise verknüpft mit anderen Glaubensätzen, die zusammen noch stärker wirken) verhindern, dass sie eine offene Diskussions- und Austauschkultur fördert und unterstützt. Unter dieser Strategie leiden Julias Berufschancen, ihre Leistung/Arbeitsergebnisse und ihr persönliches Wohlbefinden.

Wenn Julia „per Zufall“ auf eine Art Beratung aufmerksam wird, die ihr Problem lösen könnte, wird sie es auch nicht einfach haben, eine klare Entscheidung zu treffen. Denn das würde bedeuten sich den eigenen schmerzhaften Glaubenssätzen zu stellen.

„Ich möchte nicht, dass da viel gewühlt wird“ – diesen Satz höre ich oft, weil uns dieses Wühlen weh tut und wir uns schützen wollen. Mit besonderem Nachdruck wird dieser Satz von Klienten ausgesprochen, die eine Therapie hinter sich haben und das alles so oft und genau erzählen mussten und all das hätte ihnen leider nicht geholfen. Zu Recht wollen diese Menschen keine schmerzhafte Wiederholung.

An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass eine professionelle Unterstützung in diesem Bereich gar nicht oder möglichst wenig wühlen sollte und die Klienten gleich so auffangen soll, dass sie aufgebaut, gestärkt und möglichst schmerzfrei die Praxis/die Sitzung verlassen. Ist das nicht der Fall, dann musst Du Dich fragen, ob Du an der richtigen Adresse bist.

Julias  Schutzstrategien Perfektionsstreben und Vermeidung stehen  ihren Berufschancen im Wege, weil sie aus ihrem Schutzstrategien-Modus heraus nicht alle Möglichkeiten sieht oder wagt. Solange ihr Handeln von ihren Schutzstrategien bestimmt wird, wird sie nicht aus ihrem Ressourcen-Modus auf die Möglichkeiten reagieren, die das Leben ihr vor Augen führt.

Der beste Weg zu ihrem beruflichen Erfolg und inneren Wohlbefinden ist, genug Mut aufzubringen, das Problem hinter dem Problem sehen zu wollen und es einmal richtig anzupacken.

Das Gleiche gilt auch für Dich, wenn Du Dich hier beim Lesen wenigstens teils wiederfindest: Du darfst Verantwortung übernehmen:

Es ist ein Leben ohne Rede- und Sprechangst möglich – auch für Dich.

Fazit: Schutzstrategien sind wichtig, weil sie, wie das Wort auch sagt, uns vor Schmerzen bewahren. Es ist aber in unserem Interesse, sie zu durchleuchten und die dahinterstehenden inneren Glaubenssätze zu entdecken. Nur so haben wir die Möglichkeit, unsere Rede- und Sprechblockaden zu lösen und damit unser Leben erfolgreicher, freier und angenehmer zu gestalten, zu Wohl aller Beteiligten.

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